Studienmotivation und erstes Studienjahr
Als ich zum Jahresende 2000 vom Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) in den Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) wechselte, lernte ich in Jaderberg, wo der VCP Stamm Jadeburg zu Hause ist, die breite Palette eines Gemeindelebens und die Arbeit in einer Kirchengemeinde kennen.
Für mich war die Einbindung und Zusammenarbeit mit der Evangelischen Jugend Oldenburg (Landeskirche) und der Kirchengemeinde Jade/Jaderberg nicht nur sehr interessant, sondern sie eröffnete neue Formen der Pfadfinderarbeit - von der Mitgestaltung von Gottesdiensten bis hin zur aktiven Beteiligung der Pfadfinderinnen und Pfadfinder im Gemeindeleben, im Gemeindekirchenrat, auf dem Kongress "Kinder in der Kirche" am 12. Mai 2001 oder auf dem Perspektivnachmittag, wo wir eigene Ideen und Visionen von "Kirche" präsentierten. Vor allem auf den Fortbildungstagen der Evangelischen Jugend Oldenburg (ejo) und dem Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main (2001) lernte ich neue Seiten von der "Kirche" kennen, die ich bisher nicht kannte. Da ich im Laufe dieser Zeit schon eine ganze Reihe von Andachten gehalten hatte und mir diese Arbeit sowohl im VCP als auch in der Kirchengemeinde und den Konventen der Evangelischen Jugend sehr gefiel, beschloss ich, dieses später auch beruflich machen zu wollen und entschied mich für das Studium der evangelischen Theologie.
Bevor ich Ende Januar 2002 aus der Bundeswehr ausschied (nach meinem Abi 1998 begann ich mit meiner Offizierslaufbahn in der Luftwaffe), war es mir möglich, seit November 2001 ein Praktikum beim kath. Standortpfarrer Michael Langkamp in Wittmund zu machen. Dort lernte ich die ganze Bandbreite der Militärseelsorge kennen - von Gottesdiensten und Betreuungen von Soldaten bis hin zur Vorbereitung für den Auslandseinsatz Oldenburger Soldaten in Afghanistan. Besonders interessant fand ich die Angehörigenrüstzeit für Mütter mit ihren Kindern auf Norderney, deren Ehegatten während dieser Zeit im Kosovo eingesetzt waren. Da ich vorher von der Offizierschule in Fürstenfeldbruck nur die militärische Seite kannte, konnte ich hier neue Erfahrungen aus der Sicht des Seelsorgers und der betroffenen Familien sammeln und kennen lernen, welche weitreichenden Auswirkungen die Auslandseinsätze für jene Familien haben können.
Bevor ich am 12. April 2002 mit meinem zivilen Studium in Bethel begann konnte ich nach meiner Wehrdienstzeit noch ein Praktikum bei der Regionaljugendreferentin Esther Haas und der Kreisjugenddiakonin Sandra Adams im Kirchenkreis Butjadingen machen, welche ich von meiner Vorstandarbeit im Kreisjungekonvent kannte. Zuvor hatte ich einen der von mit 2001/2002 angebotenen Gruppenleiterausbildungskurse im VCP gemeinsam mit dem Kreis- und Regionaljugenddienst für die juleica-Schulung durchgeführt.
Neben anderen Formen der evangelischen Jugendarbeit und den Konfirmandenunterrichten lernte ich in diesem Praktikum vor allem kennen, was es an Aufwand bedeutet, als Kreisjugenddiakonin für elf Landgemeinden zuständig zu sein. Parallel bereiteten wir im Landes- und im Kreisjugendkonvent das Landesjugendtreffen in Ahlhorn mit dem Titel "ejo world camp" vor, auf welchem jeder Kirchenkreis ein eigenes Land vorstellte - als KJK Butjadingen präsentierten wir "Irland - die geteilte Insel".
Im April begann dann endlich mein Theologiestudium in Bethel. Die Kirchliche Hochschule in Bethel wurde mir von meiner Landeskirche empfohlen, da gerade für den Beginn des Studiums mit den Sprachkursen sehr geeignet sei. Und das gemeinsame Campusleben ermöglichte dann auch, schnell eigene kleine Lerngruppen und Tutoriumsgruppen für die Sprachkurse, welche in Bethel auch während der Vorlesungsfreien Zeit im Sommer angeboten werden, zu bilden. So konnte ich mich während der Sommerzeit im Ferienkurs erfolgreich auf das Hebraicum vorbereiten.
Das Campusleben in einer kleinen Hochschule hat für den Studienbeginn auch weitere Vorteile, nicht nur, dass man bei Fragen "ältere Semester" oder TutorenInnen einfach ein paar Türen weiter im Gang des Studierendenwohnheimes auffinden kann. Millerweile finden neben dem prallen Angebot der ESG (Chor, Taizeandachten, Gregorianische Vesper etc.) auch nach Vorlesungsende Gespräche und Diskussionen statt, z.B. über die verschiedenen Sakramentsverständnisse im sog. "Gesprächskreis 21" über den Heidelberger Katechismus.
Darüber hinaus finden regelmäßig Vorträge im Rahmen des ESG-Semesterthemas statt, im letzten Wintersemester 2002/03 hatten wir uns mit dem Islam auseinandergesetzt und dazu verschiedene Referenten u.a. vom Islamischen Zentrum Bielefeld zu Gast. Neben den allmorgendlichen Andachten in unserer Kapelle finden in regelmäßigen Abständen auch Hochschulgottesdienste statt. Im Dezember letzten Jahres führte ich dabei "Regie" bei einem Gottesdienst zum Thema Friedenslicht.
Und wenn wir an den Wochenende mal freie Zeit zwischen den Vokabelstapeln haben, was leider wegen der sehr kompakten Sprachkurse sehr selten der Fall ist, treffen sich einige von uns mit Gitarren und anderen Instrumenten zum Singkreis in der Kapelle oder den Wohnheimküchen.
Da ich während meines Studiums nicht mehr genügend Zeit habe, die Pfadfinderarbeit in den Gruppen Jaderbergs fortzusetzen, gab ich meine Funktionen innerhalb der Stammesleitung (Vereinsleitung) auf der Stammesvollversammlung 2002 ab, in dessen Rahmen ich noch einen Gemeindegottesdienst mit der Pfadfinderinnen und Pfadfindern in Jade durchführte. Seit dem war ich nur noch auf überörtlicher Ebene tätig, z.B. als Lagerleitung auf dem Bezirkspfingstlager oder als Projektleiter der Taize-Jurte auf dem VCP Bundeslager 2002. Für die Fortsetzung der Arbeit in der Stammesleitung, der Gruppenleiterausbildung und der Jugendkonventarbeit meiner Nachfolger stellte sich 2002 die sog. "Pfadfinder-CD" zusammen, auf welche neben Ausbildungskursinhalten und Gruppenstundenideen auch Anleitungen, Beispiele, Liturgien und Hintergrundinformationen für Andachten und Gottesdienste zusammengestellt wurden. Arbeitshilfen für Andachten wurden auch im Arbeitskreis Religionspädagogik zusammengestellte, für welchen ich Sprecher im Landesrat des VCP Niedersachsen bin. Derzeit bin ich im VCP auf Bundesebene mit den Vorbereitungen zum Ökumenischen Kirchentag in Berlin beteiligt.
Andere Seiten der Kirchenarbeit lernte ich seit meinem Studienbeginn beim Besuch auf dem Christival 2002 in Kassel, auf einer Tagung der Luther-Akademie in Ratzeburg (9.-13.03.03) oder der kurzen Hospitation einer Kurzbibelschule kennen. Weitere neue Erfahrungen und Eindrücke konnte ich bei der "Bibeluni" der OneWordTour des CVJM, bei der Operation Mobilisation (OM) - Teenstreet und auf einem Predigtseminar im Missionarischen Zentrum Hanstedt gewinnen.
Besondere Highlights in während meines Studiums waren jedoch bisher das Diakonie-Management-Praktikum in den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel und der ZDF-Fernsehgottesdienst aus der Zionskirche in Bielefeld/Bethel.
Im Februar und März diesen Jahres waren wir mit einer kleine Zahl Studierende als Hospitanten innerhalb der verschiedenen Führungs- und Leitungsebenen der von Bodelschwingschen Anstalten (vBA) unterwegs. In der ersten Woche lernte wir im "Dankort" die Arbeit der Pressestelle (z.B. mit ihrer bundesweiten Aktion "Gemeinschaft verwirklichen"), der Spendenabteilung und der Öffentlichkeitsreferenten kennen. Den Namen trägt diese Einrichtung wegen ihrer Dankschreiben für die Spenden.
Dass es für jede Spende ab 5,- Euro eine Bedankung gibt, geht auf die Tradition d. Friedrich von Bodelschwingh zurück, dem Namensgeber der vBA, welcher sich für jede Unterstützung persönlich bedankt. Neben der Geschichte der vBA lernten wir auch die Unternehmensstrukturen Bethels und die Visionen der Diakonie kennen. Wir diskutierten u.a. mit dem Einrichtungsleiter Pfr. Pohl über die Zukunft von Diakonie und Kirche, über die Problematik der Kirchensteuer in Hinblick auf die Tendenz von der Lohnsteuer zur Mehrwertsteuer, ganz zu schweigen von der Europäische Anpassung, in welcher Deutschland fast als einzigster Partner ein solches Kirchensteuersystem hat, während die Kirchen in Frankreich im "Vereinsstatus" schon heute selbst für ihr Geld sorgen müssen.
Als Höhepunkt der Zeit im "Dankort" moderierten wir eine eigene Radiosendung auf "Antenne Bethel" zum Thema "Studieren in Bethel".
Danach waren wir zwei Wochen in verschiedene Einrichtungen aufgeteilte und ich hospitierte die Arbeit im Einrichtungsverbund "A&F" (Ambulante Pflege und Familienhilfe). Dort lernte ich die Arbeit in der Tagesstätte und den Kontaktstellen kennen, erfuhr etwas über die Arbeit im Betreuten Wohnen und erlebte eine Supervisionssitzung in einen der Teams mit. In den darauffolgenden Tagen lernte ich die Arbeit der Einrichtungsleitung kennen, so z.B. von den Gremienarbeiten des GPV (Gemeinde Psychiatrischer Verbund Bielefeld) über die Leistungsvereinbarungs-Verhandlungen mit den kommunalen Kostenträger und in den Leitungsrunden bei A&F und im Stiftungsbereich Gemeindepsychiatrie der vBA.
Im Wintersemester 2002/2003 fand im kleinen Rahmen eine PT-Übung (Prakt. Theologie) über die Fernsehgottesdienste statt, in welcher wir Gottesdienstübertragungen auswerteten und uns mit verschiedenen liturgischen Formen auseinander setzten. Im Rahmen dieser Übung bei Herrn Dr. theol. Goldenstein war auch der EKD-Beauftragter für ZDF-Fernsehgottesdienste Frank-Michael Theuer bei uns zu Gast, der sich u.a. Ausschnitte des von mir zusammengeschnittenen Video über unseren Hochschulgottes anschaute.
Und so ergab sich die Möglichkeit, während der Proben und der Livesendung des ZDF-Fernsehgottesdienstes aus der Zionskirche hinter die Kulissen, in den Ü-Wagen und in die Drehbuchbesprechungen zu schauen und das Geschen hautnah mitzuerleben. Hautnah vor allem, weil ich auf Wunsch des ZDF-Redakteur Helmut Nemetschek für einen Gottesdienstmitwirkenden einspringen müsste, der bei der Kamera- und Generalprobe nicht dabei sein konnte.
Interessant waren auch die beiden letzten Sitzungen der Landessynode der "Kirche in Oldenburg", an denen ich als gewählter "Synodenbeobachter" der Oldenburger Theologiestudierenden teilnehme. Es ist manchmal spannend - manchmal auch amüsant - mitzuerleben, wie die Synodalen auch hier über die Zukunft der Diakonie, die Visionen der Kirche und der eingesetzten Perspektivgruppe diskutieren. Vor allem bei den Haushaltsdebatten bekam man zu spüren, dass sich die Kirche längs in andere Rahmenbedingungen zurecht finden muss.
Und nun, wo sich mein Studienbeginn der evangelischen Theologie zum ersten Male jährt, sind wir in unserer Lerngruppe schon wieder damit beschäftigt, uns mit Übungstexten und eigenen zusammengestellten Grammatikheften auf das Ferientutorium und die Eingangsprüfung in der alten Sprache Platons und Aristoteles vorzubereiten.
Stefan Bölts
Bethel, 07.01.03





