4. Tagung der 46. Synode - Herbstsynode 2003
"Die Zeiten sind so, Sorry" war wohl das einschlägigste Zitat auf der Herbstsynode ´03, nicht nur, weil es aus meiner Sicht ein völlig unerwarteter Gemütsausdruck des Perspektivgruppenvorsitzenden Rossow war, der uns auf den letzten Tagungen immer wieder mit seiner ruhigen Stimme über die Fortentwicklung Oldenburger Perspektiven auf dem laufenden hielt, sondern auch weil man das Zitat auch fast mit jedem Thema in Bezug setzen könnte, welches im "Kirchenparlament" beraten wurde.
Obwohl das kontroverse Thema der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften schon im Gottesdienst vor Tagungsbeginn angeklungen war, begann die Synode routinemäßig ruhig: Erste Diskussionen gab es, als einmal wieder darum ging, das liebe Geld gerecht in all die verschiedenen Töpfe des Kirchenhaushaltes zu verteilen. Und so verspürte man spätestens bei der Diskussion um die sog. "Personalverstärkungsmittel" in der Jugendarbeit, dass zum einen auch in Oldenburg sparen angesagt ist und zum anderen sparen auch weh tun kann. Ob nun gerade die Jugendarbeit als Investition in eine zukünftige "Kirche in Oldenburg" der ideale Ansatz zum sparen ist, wurde mit Sicherheit zu recht kritisiert - aber wie lautete doch gleich das inoffizielle Motto: "Die Zeiten sind [eben] so, Sorry!". Auch die Erläuterungen des für Finanzen zuständigen Oberkirchenrates Schrader, dass es sich ja um befristete Projektmittel handle, ändert sicherlich nichts daran, dass der Bedarf - gerade im ländlichen Bereich - nicht nur befristet ist und vermutlich die Befürchtung eintritt, dass qualifiziertes und engagiertes Personal aufgrund fehlender Planungssicherheiten abwandern könnte, bevor man sich über einen langfristigen Bedarf geeinigt hat. Zu den Erläuterungen zu diesen Tagesordnungspunkt gehörte auch die Mitteilung, dass die ELKiO ab 2004 leider dem bundesweiten Trend anderer Kirchen folgen muss und auf Grund zurückgehender Kirchensteuereinnahmen mit Defiziten rechnen muss. Zwar befindet sich Oldenburg in der "glücklichen" Lage, noch über Rücklagen zu verfügen, aber man wird mittelfristig nicht um Sparbemühungen herumkommen, was auch schon im Blick der vielzitierten Perspektivgruppe sei. Und so wird man auch um eine Prioritätendiskussion nicht herumkommen können und die Frage steht wieder im Raum, ob Kirchens immer in Bereiche (z..B. Diakonie) einspringen muss, wo andere Träger ihre Mittel kürzen. "Man kann nicht mehr ausgeben, als man hat", war ein ebenso weiser Rat unseres Finanzexperten im OKR wie die Meinung: "Sparen darf nicht Dauerthema sein, dass wäre für die Kirche schädlich" - "Die Zeiten sind [eben] so, Sorry"??? Nein, dass die Austrittszahlen fast fünffach so groß wie die Eintritte sind kann man sicherlich nicht mit "Gesundsparen" beantworten und so wurde nicht nur schon auf dieser Tagung thematisiert, dass das kirchliche Profil geschärft werden muss, um den Erosionsprozess zu stoppen, sondern es wird auch in naher Zukunft Thema sein müssen. Übrigens wurde auch im Bereich Weltmission um 11,3% gekürzt, so dass Oldenburg nur noch 0,7% der Steuermittel für diesen Aufgabenbereich aufwendet (die EKD-Richtlinie sehe mind. 2% vor), so unser EKD-Synodenvertreter Pfr. Dr. Gräbe.
Die "Empfehlungen zur Pfarrstellenplanung Perspektive 2010" wurde auf Antrag von Pfr. Qualmann (welcher sich ungewöhnlicherweise erst nach einer ganzen Stunde Sitzungsverlauf zum ersten Mal zu Wort gemeldet haben soll J ) vertagt und wird voraussichtlich im November 2004 auf der Tagesordnung stehen. Und so kamen wir dann rasch zum wohl auch im Vorfeld schon am kontroversesten geführten Thema - der Geistlichen Begleitung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften.
Neben gleich zwei Beschlussvorlagen und Einbringungsreden, verschiedenen Statements des OKR, einem dringenden Appell des Bischofs höchstpersönlich und mehren Voten und Diskussionsbeiträgen bewegte es die Gemüter dermaßen, dass die kontroversen Diskussionen in der zwischenzeitlichen Kaffeepause nicht nur auf den Fluren, sondern auch diversen, sonst eher "Stillen Örtchen" fortgesetzt wurden. Es wurde diskutiert, ob der Segen nur einzelnen Menschen zugesprochen werden kann, oder deren Lebensformen. Es wurde um das Leitbild der Ehe gerungen. Es wurde darüber gestritten, wie "öffentlich" ein solcher Segen aussehen könne, oder ob es nicht auch eine "geheime" Zeremonie in der Sakristei sein könne. Man hat sich darüber ausgetauscht, wie viel Entscheidungskompetenz man einzelnen Gemeindekirchenräten zumuten kann. Man hat versucht zu ergründen, ab wann ein "Presbyterium" überfordert sein könnte. Wir haben von einer in der Tat "neuen Lebensform" erfahren, dem sog. "Spaltpilz der Gemeinde". Und schließlich hat man sich auch darüber unterhalten - in einer übrigens sehr sachlichen und ruhigen Debatte - wer denn nun eigentlich solch´ weitreichenden Entscheidungen fällen darf. Kann und darf die Synode über die Richtigkeit von Bekenntnis, Lehrmeinungen und Bibel entscheiden - und kann und darf eine Landessynode die Verantwortung über ein - vielleicht beim einen oder anderen sicherlich "unangenehmes" - Thema einfach an die nächste Ebene "nach unten" abtreten?
Auch wenn diese Fragen nicht ganz geklärt werden konnten und der Vorwurf des Verstoßes gegen Bibel und Bekenntnis immer noch kaum entkräftet im Raum stand, hat die Synode bekannter Weise mit Mehrheit dem Kompromissvorschlag des Ausschusses für theologische und liturgische Fragen sowie des Ausschusses für Diakonie, Gesellschaft und Öffentlichkeit zugestimmt. Somit hat sich die Synode (endlich) mehrheitlich zur Eingabe 308 entschieden. Dennoch muss ich persönlich festhalten, dass ich von der "Vorlage 61B" der Ausschüsse enttäuscht bin. Ich hatte mir angesichts der Tatsache, dass sich der entspreche Unterausschuss über ein Jahr lang beraten hat, mehr "Substanz" erwartet, vor allem in den immer noch schwammigformulierten exegetischen "Argumenten". Auch wenn Herr Unger (Vors. des Ausschusses für theol. u. liturg. Fragen), unabhängig von seiner persönlichen Meinung, es exzellent geschafft hat, die verschiedenen Positionen innerhalb des Unterausschusses neutral zu vermitteln, stell ich mir weiterhin die Frage, ob dieser "Kompromiss" wirklich das "Gelbe vom Ei" ist. Nachdem eine Synodale, die sich auf der Synode "hinter den Bischof" gestellt hat, den Vorwurf zu Tage gebracht hat, sie sei im Unterausschuss über den Tisch gezogen worden, frage ich mich, welche Position sich denn nun wirklich durchgesetzt hat: Schließlich ist in der Beschlussfassung von der "Segnung von Menschen in einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft" die Rede. Wie lang´ auch immer die Köpfe über die ein oder andere Formulierung geraucht haben mögen, um auf jeden Fall eine Verwechslung mit der Ehe (bei unseren röm. Glaubensbrüdern und -Schwestern immerhin ein Sakrament) zu vermeiden, die Presse hat wie immer ihre eigene Sicht der Dinge. Und so konnte man schon am zweiten Verhandlungstag der Synode in den einschlägigen Zeitungen mit großen Lettern lesen: "Segen für die Homo-Ehe" - Was soll ich sagen, "Die Zeiten sind [eben] so, Sorry"!
Wie vermutlich ebenfalls über die Presselandschaft bekannt hat der OKR den gefällten Synodenbeschluss inzwischen seinerseits sicherlich wieder mehrheitlich beanstandet. Und so dreht sich das Karussell in die nächste Runde - mal schauen wie es sich bei Kirchens mit der Demokratie verhält? Oder hat sich die Synode etwa "große Schuld" auf sich geladen, wie ein Braunschweiger Synodaler in deren Debatte zum gleichen Themenkomplex in der "EZ" zitiert wurde, in dem sie das gemeinsame Fundament christlicher Kirchen verlassen hat? Darf sich die Kirche in Oldenburg nun nicht mehr "lutherische" oder "evangelisch" nennen, und keiner der Synodalen hat´s gemerkt, wie in Studierendenkreisen spekuliert wird? Hat das Wort Gottes wiedereinmal gegen den aufgeklärten Menschen verloren? "Die Zeiten sind [eben] so, Sorry"??? Nein, so einfach kann man wohl nicht mit dem komplexen Thema umgehen - oder doch? Die Synode wird sich nun wohl nochmals damit beschäftigen müssen. Aber das birgt vielleicht auch die Chance, bei den Argumenten "Butter bei den Fische" zu bringen. Das ist meiner Meinung nach auch viel konstruktiver und effektiver, als eine "Abstimmung mit den Füssen" im Internet zu veranstalten, denn das könnte in der Tat den Anschein erwecken, die Gültigkeit der Bibel sei nur eine Frage demokratischer Abstimmungen.
Am letzten Verhandlungstag der Synode wurde dann auch der wohl "letzte Eisberg" der Konservativen gebrochen: Aus dem Katechumenenunterricht ist die "Konferzeit" geworden und die Stempelkarte für Gottesdienstbesuche soll nun ein Antiquariat des Kirchenmuseums werden: "Die Zeiten sind [eben] so, Sorry"!
Nach 15 Jahren in der heute so schnelllebigen Zeit wurde endlich auch einmal daran gedacht, die Rahmenrichtlinien für den KU - Sorry - für die Konfirmandenzeit zu überholen. Und das wurde wohl auch höchste Zeit, denn offenbar glauben immer noch Einzelne, die Konfirmanden (die nun nicht mehr zur Kerngemeinde gehören, sondern Gäste auf Zeit sind) mit Methoden aus dem letzten Jahrtausend für ein Engagement in der Kirchengemeinde gewinnen zu können. Und so hat uns Pfarrerin Plote (und ihr Team) mit eindruckvollen Powerpoint-Präsentationen (und interessanten Musikuntermalungen) auf die neuen Dimensionen der Konfi-Zeit eingestimmt. Neben vielen Ideen und neuen Ansätzen wurde dann erneut auf dieser Tagung Kirchengeschichte in Oldenburg geschrieben: Seit 1988 gibt es also eine aktuelle Rahmenordnung und neue Rahmenrichtlinien (eine empfehlenswerte Lektüre).
So weit so gut, weiteres oder Fragen im Detail können ja bei Bedarf auf der nächsten Vollversammlung verhandelt werden. Wir müssen ja sparen, also auch Papier... "Die Zeiten sind [eben] so, Sorry"!
Mit herzlichen Grüßen vom "heiligen Berch" in Beth-El
Stefan